| Antragsteller*in: | Julia Michler (LV Grüne Jugend Hamburg) |
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V5: Psychische Gesundheit stärken – Versorgung sichern, Prävention ausbauen, Stigmatisierung abbauen!
Antragstext
Psychische Gesundheit ist ein zentraler Bestandteil für sowohl individuelles als
auch gesellschaftliches Wohlbefinden. Dennoch bleibt die Versorgung psychisch
erkrankter Menschen in Deutschland seit Jahren strukturell unzureichend. Lange
Wartezeiten auf Therapieplätze, unzureichende Finanzierung, prekäre Bedingungen
in der psychotherapeutischen Weiterbildung sowie strukturelle Diskriminierungen
gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen verschärfen die Versorgungslage
zusätzlich. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach psychotherapeutischer
Unterstützung kontinuierlich an, insbesondere bei jungen Menschen. Eine Umfrage
unter Studierenden aus Deutschland und Österreich, das Mental-Health-Barometer
aus dem Jahr 2025 zeigt, dass 56,7 % der befragten Studierenden unter
psychischen Belastungen leiden. Dies ist der höchste Wert seit Beginn der
Erhebung im Jahr 2021. Die bestehenden Versorgungssysteme reagieren darauf
unzureichend und es finden im Gegenteil Kürzungen statt, die die Lage weiter
verschlechtern.
Die GRÜNE JUGEND Hamburg erkennt diese Entwicklung als politisches Versäumnis an
und fordert umfassende Maßnahmen zur Stärkung der psychischen
Gesundheitsversorgung, deren Prävention sowie zur Beseitigung struktureller
Ungleichheiten in folgenden Punkten:
Vergütung von Psychotherapeut*innen
Ambulante Psychotherapie ist ein zentraler Bestandteil in der Versorgung
psychisch erkrankter Menschen. Gleichzeitig steigen psychische Erkrankungen und
Wartezeiten seit Jahren deutlich an. Die finanzielle Grundlage ambulanter
psychotherapeutischer Versorgung ist jedoch nicht ausreichend gesichert.
Am 11. März 2026 hat der Erweiterte Bewertungsausschuss beschlossen, die
Vergütung für ambulante psychotherapeutische Leistungen zum 1. April 2026 um 4,5
% zu kürzen. Dies entspricht bei einer 50-minütigen Einzeltherapie einem
Vergütungsrückgang von knapp 5 Euro pro Sitzung.
Diese Entwicklung betrifft eine Berufsgruppe, deren Vergütung bereits im
Vergleich zu anderen fachärztlichen Leistungen im unteren Bereich liegt. Vor dem
Hintergrund der ohnehin angespannten Versorgungslage stellt dies ein
kontraproduktives Signal dar und steht im Widerspruch zu gesundheitspolitischen
Zielen, die ambulante Versorgung zu stärken.
Eine unzureichende Vergütung erhöht das Risiko, dass weniger Therapeut*innen
Kassensitze übernehmen und der Beruf immer unattraktiver wird. Dies verschärft
bestehende Versorgungslücken weiter.
Forderungen:
Überprüfung der Sicherstellung der ambulanten Psychotherapeutischen
Versorgung mit Beachtung der Folgen der stattgefunden Honorarkürzungen
Klare Positionierung gegen (weitere) Kürzungen psychotherapeutischer
Vergütung
Reform der Bedarfsplanung und bedarfsgerechte Erhöhung der Kassensitze
Psychotherapie-Ausbildung
Mit der Reform des Psychotherapeutengesetzes im Jahr 2020 wurde die Ausbildung
neu strukturiert. Die Einführung der direkten Approbation nach dem Studium sowie
der anschließenden Weiterbildung sollte die frühere Ausbildungssituation
verbessern, bei der auf angehende Psychotherapeut*innen hohe Kosten statt
adäquater Bezahlung zukamen. Gleichzeitig besteht weiterhin ein erhebliches
strukturelles Problem: Die Finanzierung dieser neuen psychotherapeutischen
Weiterbildung ist immer noch weitgehend unklar.
Dies führt zu einem erheblichen Engpass an Weiterbildungsplätzen. Gleichzeitig
entsteht ein Stau an qualifizierten Absolvent*innen, die ihre Weiterbildung
nicht beginnen können. Es besteht eine zunehmende Dringlichkeit einer
gesetzlichen und nachhaltigen Finanzierungsregelung.
Forderungen:
Gesetzlich abgesicherte und ausreichend hohe Finanzierung der
psychotherapeutischen Weiterbildung
Ausreichende Anzahl an Weiterbildungsplätzen
Bedeutung von Prävention
Prävention und frühzeitige Intervention werden gesundheitspolitisch weiterhin
unzureichend priorisiert. Wenn Versorgung erst spät einsetzt, wird ein frühes
Entgegenwirken gegen Entstehung und Fortschreiten von Erkrankungen verpasst.
Dies führt zu schwereren Verläufen, Chronifizierungen, längeren Arbeitsausfällen
und erheblichen sozialen sowie volkswirtschaftlichen Folgekosten.
Frühzeitige Unterstützung ist nachweislich effektiver und kostengünstiger als
die spätere Behandlung chronifizierter Erkrankungen.
Forderungen:
Ausbau präventiver Angebote im Bereich psychischer Gesundheit
Ausbau psychologischer Unterstützung in Bildungseinrichtungen und Schulen
(z.B. multiprofessionelle Teams)
Durchführung flächendeckender Aufklärungsarbeit für psychische Gesundheit
in Schulen und Bildungseinrichtungen, sowohl für Lernende als auch
Lehrende
Diskriminierung u.a. bei Verbeamtung und Versicherungen
Viele Menschen vermeiden oder verschieben notwendige psychotherapeutische
Behandlung aus Angst vor nachteiligen Konsequenzen bei z.B. Verbeamtung,
privater Krankenversicherung, Berufsunfähigkeitsversicherung.
Psychische Erkrankungen werden gesellschaftlich weiterhin weitgehend stärker
stigmatisiert als körperliche Erkrankungen. Diese strukturelle
Ungleichbehandlung führt dazu, dass potentiell notwendige Behandlungen nicht in
Anspruch genommen werden. Dies führt dazu, dass betroffene Personen zwar nicht
um ihre Verbeamtung oder Versicherung bangen müssen, aber paradoxerweise ein
viel höheres Risikoprofil aufweisen als Menschen, die durch eine Psychotherapie
entsprechende Probleme angehen und an einem Umgang mit diesen arbeiten. Dies
sollte, entgegen dem aktuellen Stand, bei Risikobewertungen positiv bewertet
werden. Ein aktives Auseinandersetzen mit Belastungen führt zu zukünftiger
Stabilisierung und einem reflektierten Umgang mit sich selbst, so wie auch
potentiell seinem Umfeld. Im Gegensatz dazu führt ein Verdrängen, aus Angst vor
Diskriminierung oder negativen zukünftigen Auswirkungen, eher zu
Destabilisierung und einem höheren Risiko zukünftiger Folgen.
Forderungen:
Keine pauschale Benachteiligung von Menschen in psychotherapeutischer
Behandlung
Reform der gesundheitlichen Eignungsprüfung im Rahmen von Verbeamtungen
sowie des Risikoprofils bei Versicherungsabschluss, bei welchen die
präventive und stabilisierende Wirkung einer stattgefunden Psychotherapie
positiv statt negativ bewertet werden sollte
Maßnahmen zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen
Psychische Gesundheit ist keine individuelle Privatsache, sondern eine
strukturelle und gesellschaftliche Aufgabe. Sie ist Grundlage für eine
funktionierende Gesellschaft. Die bestehenden Versorgungslücken, finanziellen
Fehlanreize und diskriminierenden Strukturen müssen konsequent abgebaut werden,
um eine adäquate Versorgung sicherzustellen.
